"Zeche is nich", Blick 3: Ali sein Garten
Zur Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 beschloss die ZDF-Redaktion von "Das Kleine Fernsehspiel", einen Episodenfilm zu drehen, der das alte Ruhrgebiet und die neue Metropole Ruhr beleuchtet. Der von der MADE IN GERMANY Filmproduktion betreute Film mit dem Titel "Zeche is nich - Sieben Blicke auf das Ruhrgebiet" feierte seine Premiere beim Eröffnungsfest von RUHR.2010 auf dem Gelände des Welterbe Zollverein am 9. und 10. Januar 2010. In Teil 4 unserer Serie berichtet Regisseurin Undine Siepker exklusiv über ihre Erfahrungen in der Metropole Ruhr beim Dreh des Kurzfilms "Ali sein Garten".
Undine Siepker studierte Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Unversität Weimar und an der Ecole Supérieure des Beaux-Arts in Genf. Seit 2006 ist sie als freiberufliche Regisseurin, Regieassistentin und Cutterin für dokumentarische Film- und Fernsehformate tätig. Im Oktober 2008 nahm sie ein postgraduiertes Studium zu Regie Dokumentarfilm an der Kunsthochschule für Medien Köln auf. Ihr Dokumentarfilm "Kalte Hände" gewann den Goldenen Filmthuer 2005 beim Nachwuchsfestival des BDFA des Landes Thüringen, "Freifliegen" wurde auf dem Achtung Berlin Festival 2009 gezeigt.
Ali sein Garten
Regie: Undine Siepker
"Die Deutschen hegen und pflegen und mühen sich ab, und die Türken schmeißen einfach was hin und das wächst wie Sau!" Vorurteile gibt es überall – und warum sollten sie ausgerechnet Halt machen vor dem "Super-Klischee vom Schrebergarten"? Koreanische, türkische und ostpreußische Migranten sind nach 30 Jahren Glückssuche im Ruhrgebiet in der deutschen Klischee-Idylle angekommen.
Undine Siepker zeigt die kulturelle Vermischung der Gesellschaft auf 50 qm Grünfläche. Zwischen türkischen Riesenbohnen, koreanischen Trommeln, elektrischer Gartenschere, Kopftuch, Gartenzwerg und Fladenbrotkocher setzt sich unabhängig von allen Nationalitäten am Ende immer das Prinzip Schrebergarten durch: Da schaut man sich gegenseitig 'was ab und freut sich über den Ertrag.
Personal Essay von Undine Siepker: Hinter die Fassade schauen
"Vor meiner Teilnahme bei dem Filmprojekt "Zeche is nich" hatte ich nicht einen Fuß ins Ruhrgebiet gesetzt. Was ich davon wusste, kannte ich aus Filmen wie "Bang, Boom, Bang" und dementsprechend Klischee beladen waren meine Vorstellungen. Schnodderschnauze, Bier und Schalke waren das, was ich mir im Kopf ausmalte. Und natürlich absolute Hässlichkeit, schwarze Industrielandschaften mit abgerockten Häusern und Strassen - kein Baum weit und breit.
So reizte es mich, die Schrebergärten - die kleinen grünen Oasen - in diesem Gebiet zu besuchen. Und tatsächlich war ich überrascht, nicht nur in diesen Parzellen Grünes zu finden. Ich muss zugeben, dass ich meine Erkundungsreisen dorthin regelrecht genoss und viele Ecken tatsächlich "schön" fand.
Im Umgang mit meinen multikulturellen Kleingärtnern habe ich mich oft gefragt, was an ihnen jetzt ruhrgebietstypisch sein soll. Was für eine Mentalität sollte diese Kleingartenanlage unterscheiden von einem Schrebergarten in Berlin? Äußerlich finden sich Beete, Hecken, Lauben, Gartenzwerge und ausländische Gärtner doch überall, oder? Ich beschloss, meine Unwissenheit nach außen zu kehren und die Gärtner selbst zu fragen, wie sie sich nach 30 Jahren Migranten-Alltag in Essen fühlten. Ich bekam viele bruchstückhafte Antworten, keiner konnte es richtig benennen. Wahrscheinlich stecken sie selbst zu tief drin, um über ihre Kaffeetasse hinaus zu gucken, dachte ich.
Aber dann merkte ich, dass sich für meine Migranten-Gärtner diese Frage gar nicht stellte. Ihr Alltag war seit 30 Jahren von einem Miteinander der Kulturen geprägt. Natürlich spricht der eine besser Deutsch als der andere, aber ich merkte, wie normal dieses Miteinander funktioniert. Die verschiedenen Nationalitäten begegnen sich tatsächlich auf Augenhöhe. Keiner guckt auf den anderen herab, wenn sie miteinander zu tun haben und etwas auf die Beine stellen. Die Kinder wachsen seit Jahren in der Schule gemeinsam auf, die Väter unterstützen sich als Kollegen auf der Arbeit. Das alles ließ einen respektvollen Umgang entstehen, der mich sehr beeindruckt und den ich beispielsweise in Berlin-Wedding so nie erfahren konnte.
Das zeichnet für mich das Ruhrgebiet aus und macht es zu etwas Besonderem. Fast würde ich sagen, es fühlt sich an, als hätten die Menschen im Ruhrgebiet mit ihrer Offenheit die Angst vor dem Fremden besiegt und schaffen es, tatsächlich den Menschen hinter einer unbekannten, exotischen Fassade zu entdecken."
Lesen Sie zu "Zeche is nich" auch die Artikel
Filminformationen, Teil 1
Bochumer Jungen, Teil 2
Sinan G., Teil 3
Thomas, Thomas, Teil 5
On the road, Teil 6
The new Malocher, Teil 7
Die Anden des Ruhrgebiets, Teil 8
Bildergalerien von allen Episoden











