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"Zeche is nich", Blick 2: Sinan G.

Johannes F. Sievert, der Regisseur von Johannes F. Sievert, der Regisseur von "Sinan G."

Johannes F. Sievert, der Regisseur von "Sinan G."

Zur Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 beschloss die ZDF-Redaktion von "Das Kleine Fernsehspiel", einen Episodenfilm zu drehen, der das alte Ruhrgebiet und die neue Metropole Ruhr beleuchtet. Der von der MADE IN GERMANY Filmproduktion betreute Film "Zeche is nich - Sieben Blicke auf das Ruhrgebiet" feierte seine Premiere beim Eröffnungsfest von RUHR.2010 auf dem Gelände des Welterbe Zollverein am 9. und 10. Januar 2010. In Teil 3 unserer Serie berichtet Regisseur Johannes F. Sievert exklusiv über seine Erfahrungen in der Metropole Ruhr beim Dreh des dokumentarischen Kurzfilms "Sinan G.".

Johannes F. Sievert studierte Film- und Fernsehwissenschaft, arbeitete währenddessen als freier Werbetexter und erwarb sich erste praktische Kenntnisse bei Kurzfilm-Projekten. Nach dem Magisterabschluss war er zwei Jahre in verschiedenen Positionen bei diversen Film- und Fernsehproduktionen tätig, u.a. für die Regisseure Peter Bogdanovich, Robert Schwentke, Bob Rafelson und Max Färberböck, bevor er 2002 an der ifs Regie studierte und dort 2005 als B.A. abschloss.

Sinan G.
Regie: Johannes F. Sievert

"Verbrechen ist auch eine Form von Arbeit" - Sinan G. ist das Porträt des 22-jährigen deutsch-iranischen Rappers Sinan Farhangmehr. Frisch aus der Haft entlassen, steht er am Scheideweg: das schnelle Geld oder die Rap-Karriere. Doch das Musikbusiness ist hart, die Zeiten schwer... Die Frage, die sein Leben bestimmt, zieht sich auch in seine Musik fort: wird er den gestylten Gangsta-Rapper geben oder das Credo des Hip-Hop "keep it real" bewahren und ehrlich bleiben? Harte Arbeit ist jedenfalls beides.

Der junge Essener hatte im April 2007 eine dreijährige Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Siegburg wegen "unrühmlicher Straßenaktivitäten" angetreten. In der Folge kam es zu "Free Sinan-G"-Shoutouts und zu einem Hype durch eine florierende MySpace-Präsenz, die den bis dato als Rapper fast gänzlich unbekannten Sinan G. durch TV- und Presseberichte über die Grenzen des Ruhrgebiets bekannt machten. Hinter Gittern probte er mit anderen Insassen das Theaterstück "Abstiegskampf - eine zweite Halbzeit" von Jörg Menke Peitzmeyer, das im Bonner Schauspielhaus vor ausverkauften Häusern vorgeführt wurde. Johannes F. Sievert drehte über dieses Theaterprojekt die Dokumentation "Junge Hunde", die sich momentan in der Postproduktion befindet, und kam so mit Sinan in Kontakt. Sinans Aktivitäten als Schauspieler und Fußballer führten zu einer früheren Haftentlassung nach anderthalb Jahren. Jetzt stellt er sich als Ex-Gangster mit Perspektive vor: Sinan G., der Rapper. Sievert sieht mit seinem Filmporträt den Strukturwandel des Ruhrgebiets im Individuellen gespiegelt - vom handfesten "Erwerbswesen" hin zur Kultur.

Trailer zu "Sinan G."

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Regie: Johannes F. Sievert, 2'44min

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Personal Essay von Johannes F. Sievert: Heimat revisited

"Ruhrgebiet: Das war für mich immer nah der Heimat. Groß geworden im ostwestfälischen Bielefeld, Dortmund eine Stunde entfernt. Dann nach Abitur und Zivildienst das Studium an der Ruhr-Universität Bochum, die erste eigene Wohnung: Ückendorfer Strasse in Wattenscheid. In unmittelbarer Nähe die Schachtanlage 1/2 der Zeche Holland - die einzige erhaltene Schachtanlage im Ruhrgebiet mit einem Zwillingsmalakowturm.
Mythenreich empfängt einen das Ruhrgebiet, wohlig findet man die gängigen Klischees bestätigt: harte Arbeit, ehrliche Leute, Solidarität, Kohle, Stahl, Schmelztiegel der Nationalitäten, Fußball, Pommes-Buden-Deutsch, Schimanski und der Kohlepfennig…

Der Wandel, speziell der Strukturwandel, bestimmte schon früh das Bild des Ruhrgebiets im Nachkriegsdeutschland. Die Gründung der Ruhr-Universität, ein Jahr nach der Neuansiedlung des Opel Werks (1960) setzte ein Zeichen: weg vom reinen Arbeiterstatus, hin zu einer akademischen Ausbildung. Was auch gelang: Die Bildungsreserven vor Ort konnten mobilisiert werden und boten auch denjenigen einen Studienplatz, deren Eltern keine Unterbringung fern der Heimat finanzieren konnten, so dass fast neunzig Prozent aller Studierenden aus einem 50-Kilometer-Umkreis kommen.

An der RUB habe ich eine geistige Heimat gefunden, die sich natürlich auch aus meiner filmischen und pop-kulturellen Sozialisation nährte: wie viel verlockender klang Extrabreits "Komm nach Hagen, werde Popstar, mach dein Glück!" als all die Versprechen heutiger Casting-Shows. Wie viel mehr Freiheit und ungestillte Sehnsucht lag in den filmischen Charakteren, die Westernhagen oder George spielten - um nur zwei zu erwähnen - oder die die Filme von Adolf Winkelmann bevölkerten. Die Figur Schimanski ist so, wie er war, nur im Ruhrgebiet möglich gewesen. Wo sonst hätte ein Tatort mit dem Satz: "Kein Schwanz ist so hart wie das Leben" beginnen können, zudem man Georges nacktes Hinterteil vor einem noch dunklen, dem Morgen entgegen dämmernden Duisburg sah. Stehaufmännchen wie Theo - "Aufforderung zum Tanz" / "Theo gegen den Rest der Welt" - nebst Kumpanen wie dem großartigen Guido Gagliardi - boten einen anderen Traum vom Glück als das vormalige bundesdeutsche Kino/Fernsehen.

Hier wurden Geschichten von Außenseitern und ihrer Suche nach dem Glück erzählt: mit geradezu amerikanischer Lakonie und trotzdem ganz eigenständig und unverkennbar deutsch."
     

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