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11.01.2010

"Woanders ist auch scheiße!" - Frank Goosens Liebeserklärung an das Ruhrgebiet erscheint heute

Radio Heimat (Cover-Ausschnitt) / Foto: Eichborn

In "Radio Heimat - Geschichten von Zuhause" entwirft Frank Goosen ein hochkomisches, aber auch vielstimmiges und berührendes Panorama des Ruhrpotts, gibt dieser vorurteilsbehafteten Region ein – wenn auch nicht hübsches, so doch überaus sympathisches – Gesicht und schreibt ein Hohelied auf all das, was uns Heimat ist, auf unser Zuhause.

"An lauen Sommerabenden stehe ich gern auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, die Fiege-Brauerei, das neue Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus ‚2001’), die Türme von Propstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbau-Museums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!"

Vielleicht nicht schön, aber doch ein Zuhause, auf das man irgendwie stolz sein kann. So wie Frank Goosen. Der Autor und Kabarettist bringt uns in seinem neuen Buch Bochum und das restliche Ruhrgebiet so nah, dass man als Auswärtiger richtiggehendes Fernweh bekommt und als "Eingeborener" sich und seine Gegend mit ganz neuen Augen sieht. Wobei, Gegend gibt’s ja im Ruhrgebiet gar nicht so viel und die ist auch nicht so wichtig, denn – das Wichtige sind die Leute. Ein nicht besonders höflicher, aber dafür sehr direkter Menschenschlag, der das Herz am rechten Fleck trägt und sich einer lebendig-bildhaften Sprache befleißigt: Kinder und kleine Menschen heißen dann mal gerne "Furzknoten", weniger attraktive Frauen "Schabracken" und ebensolche Männer "Schäbbige". Auch Begrüßungen à la "Ey Jupp, du altes Arschloch!" sind durchaus freundlich, ja geradezu ehrerbietig gemeint.

Mit seinem sehr eigenwillilgen, sehr "goosenschen" Humor, Herzblut und jener Distanz, welche nur einer haben kann, der seine Heimat innig liebt, erzählt Frank Goosen in "Radio Heimat" von seiner Kindheit im Pott, von Omma und Oppa (die im Bochumer Rathaus wohnten und stadtbekannt waren), den Untiefen seiner Ruhrgebietsjugend mit seinen Kumpels Mücke, Pommes und Spüli, und natürlich seiner Liebe zum Fußball im Allgemeinen und dem VfL Bochum im Besonderen. Selbst die A 40 ist eine Ode wert, eine Huldigung auf die brutalste Hauptverkehrsader der schönsten deutschen Provinz. Oder die etwas betagteren Ruhrfrauen und ihre männlichen Pendents - äußerst genau, fast sezierend und doch gleichsam liebevoll nimmt Frank Goosen diese besondere Spezies unter die Lupe:

"Wenn sie nicht im Haushaltskittel daherkamen, trugen diese Frauen Tantenpullover. Unifarbene Strickpullis mit V-Ausschnitt, die sich über einen unglaublichen Atomvorbau spannten. So was wird ja heute gar nicht mehr gebaut. Die Mieder, die das stützen mussten, waren Meisterleistungen der Ingenieursplanung, höchstens noch vergleichbar mit Bauwerken wie der Fehmarn-Sund-Brücke. Diese Pullis saßen so eng, das war praktisch gehäkeltes Neopren. Man fragte sich spontan: Wie kommt die Tante da überhaupt rein? Vermutlich wie der Christbaum ins Netz kommt: Im Altersheim stand auf dem Gang eine durchgeschnittene Tonne, da kam vorne der Pullover drauf, und hinten schoben zwei Zivis.

Die alten Männer hörte man oft schon, bevor man sie sah. Ihnen ging ein abgehacktes Donnern voraus, und da wusste man gleich, da kommt wieder einer um die Ecke, der hat dreißig Jahre lang kaum das Sonnenlicht gesehen und hustet jetzt seine schleimigen Lungenreste auf den Bürgersteig hinaus. Und manchmal sah das, was da rauskam, aus, als würde es noch leben. Hackendes Lungendonnern – der Soundtrack einer Kindheit im Ruhrgebiet."

Das typische Brauchtum des Ruhrgebiets weckt auch bei Lesern aus anderen Gefilden nostalgische Erinnerungen: an den ersten Klammerblues im elterlichen Partykeller, die unaufgeregte Idylle der Schrebergärten, das erste eigene Auto (auch wenn es nur ein Kadett mit durchgerosteter Hauptantriebswelle war). Den ganz eigenen Charme des Potts machen natürlich auch lukullische Spezialitäten aus - allem voran natürlich Currywurstpommesmayo, wobei auch die Riesenbockwurst aus Goosens Stammkneipe zu Ehren kommt, kneipenintern übrigens nur "Jungferntraum" geheißen. Die Frage, warum das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas 2010 geworden ist, stellt sich nach Lektüre dieses Buchs definitiv nicht mehr - schließlich ist "woanders auch scheiße".

In "Radio Heimat" entwirft Frank Goosen ein hochkomisches, aber auch vielstimmiges und berührendes Panorama des Ruhrpotts, gibt dieser vorurteilsbehafteten Region ein - wenn auch nicht hübsches, so doch überaus sympathisches - Gesicht und schreibt ein Hohelied auf all das, was uns Heimat ist, auf unser Zuhause.

Frank Goosen, Jahrgang 1966, hat sich mit seinen Romanen "Liegen lernen" und "Pokorny lacht" einen Namen gemacht. Frank Goosen lebt mit seiner Frau und zwei jungen Nachwuchshoffnungen des VfL in Bochum. Zuletzt im Eichborn Verlag erschienen: Mein Ich und sein Leben (2004), Pink Moon (2005) und die Bestseller So viel Zeit (2007) und Weil Samstag ist (2008).

Weitere Informationen finden Sie auch unter:
www.frankgoosen.de

 

Frank Goosen
Radio Heimat

Geschichten von Zuhause
160 Seiten, 12 x 18,5 cm
Gebunden, EUR 14,95
ISBN 978-3-8218-6072-5
Eichborn Verlag

Zeitgleich erscheint bei tacheles!/ROOF Music das Hörbuch.
ISBN 978-3-941168-18-3
www.roofmusic.de