Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel
"Folkwang" ist eine der wesentlichen programmatischen Wurzeln von RUHR.2010. Das Motto der Kulturhauptstadt Europas "Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel" stammt von Karl Ernst Osthaus (1874-1921). Er hat vor einem Jahrhundert mit seiner Sammlungs- und Bautätigkeit und dem von ihm zusammengeführten Kreis von Künstlern, Architekten, Gestaltern und Politikern ganzheitliche künstlerische Konzepte verfolgt und 1902 das erste Museum der Moderne, das Museum Folkwang gegründet. RUHR.2010 setzt die Gedanken von Karl Ernst Osthaus in zeitgemäßer Form um. Der Geschäftsführer der RUHR.2010 Oliver Scheytt zieht eine Verbindungslinie zwischen der Programmarbeit der RUHR.2010 und der Folkwang-Idee: "Die Programmatik von RUHR.2010 basiert auf dem Wechselspiel der künstlerischen Genres und versteht Kultur als Motor der Stadt- und Metropolenentwicklung ganz im Sinne von Karl Ernst Osthaus."
Die Folkwang-Idee und die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010
Von seinen umfangreichen Reisen in das In- und Ausland brachte Karl Ernst Osthaus Kunstgegenstände und kostbare Gebrauchsartikel, Gemälde, Grafiken und bildhauerische Arbeiten mit, auch aus dem außereuropäischen Raum. Mit Architekten wie Bruno Taut und Henry van de Velde arbeitete er an neuen baulichen Konzepten und an der Vision einer Ruhrstadt. Ausgehend von den Ideen Karl Ernst Osthaus’ hat der "Westdeutsche Impuls" eine ganze Museumslandschaft geprägt. Auf dem ersten Höhepunkt der Industrialisierung analysierte Osthaus die Situation wie folgt: "In allen Ländern wucherte der Schund auf den Mistbeeten des Liberalismus. Das Unternehmertum hatte die Kunst aus der Architektur und aus dem Gewerbe verdrängt. Scheinwesen und Rohheit vernichteten die Kultur der Völker. Wo konnte sich dieser Abstieg hüllenloser offenbaren als in den Städten, die der modernen Industrie ausschließlich ihr Dasein verdankten?"
Die Folkwang-Idee war ein kultureller Existenzentwurf, getragen von dem Verlangen und der Hoffnung, mit Hilfe von Kunst und Kultur das Leben in einer Industriegesellschaft menschenwürdiger zu machen. Bis heute stellt sich die Frage, was die Kunst zur Qualität unseres (alltäglichen) Lebens beitragen kann. Die Überzeugung, dass Kunst und Kultur einen entscheidenden Anteil an einer menschenwürdigen Gestaltung unserer (Um-)Welt haben können und sollten, bewog Karl Ernst Osthaus zur Formulierung eines ideellen Kreislaufs: "Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel".
Dieser Gedanke wurde 2003 zum Motto der Kulturhauptstadt erwählt, was eine kluge und folgerichtige Eingebung von Georg W. Költzsch war, dem Moderator der Kulturhauptstadt-Bewerbung und vormaligen Direktor des Museum Folkwang.
Die Folkwang-Idee ist eine soziale. In ihr war die Idee der "Kultur für alle" bereits angelegt. Osthaus ging es gerade auch um Partizipation und Vermittlung. Der nordischen Mythologie entlehnt, steht Folkwang für die Halle des Volkes, in der dieses das Fest der Frühlingsgöttin Freya feiert. Die Folkwang-Idee ist zugleich auch eine genreübergreifende. Schon Osthaus ging es nicht nur um bildende Kunst, sondern um ein Zusammenspiel aller Künste, auch in und mit der Architektur.
Die Kulturverantwortlichen der Stadt Essen interpretierten und vollzogen diese Idee, indem sie nach dem Ankauf des Museums 1922 den Namen Folkwang 1927 nicht nur der neuen Schule für Musik, Tanz und Sprechen, sondern 1928 auch der bereits seit 1911 bestehenden Kunstgewerbeschule gaben.
Die Zeit des "Folkwang" in den 20er Jahren war voll von Manifesten und Programmen, Ideen und Ideologien in der Kunst: Expressionismus, Konstruktivismus, Futurismus, Dadaismus, Surrealismus, neue Sachlichkeit, neue Einfachheit, Atonalität, Jugendmusikbewegung, Bauhaus, Ausdruckstanz, kultisches Theater und neue Medien wie Rundfunk, Schallplatte, Film, Tonfilm. 1932 entstand dann das epochemachende Tanzstück "Der Grüne Tisch" von Kurt Jooss, mit dem sich das Ballett von jeglicher
repräsentativer Gebärde befreite. In diese Zeit fiel auch der Bau der Zeche Zollverein von 1928 bis 1932 und der Lichtburg. Ein bewegtes Jahrzehnt der Kultur- und Stadtentwicklung war das. Der Komponist Erpf erinnerte sich, als er 1943 die Folkwangschule verließ, mit folgenden Worten an diese Zeit: "Schulz-Dornburg setzte nämlich durch, dass diese neue Schule zugleich mit der schon eineinhalb Jahrzehnte bestehenden Kunstgewerbeschule unter den Namen"Folkwang" gestellt wurde, also unter den Namen, mit dem im Folkwang Museum ein aktiver Impuls Ruhrländischer Kunstgesinnung schon weithin bekannt geworden war. Man wird vielleicht später einmal rückschauend feststellen, dass in dieser Zusammenfassung der drei Kunstinstitute die Einheit des Ruhrgebiets zum erstenmal auf einer anderen Ebene als der der Wirtschaft und Industrie bewusst wurde."
Das Zusammendenken von Kunst, Architektur, Kunstgewerbe (heute sagen wir Design), Musik, Theater, Tanz, die Kombination und Kompilation unterschiedlichster Genres, das Amalgam von Baukultur, künstlerischer Gestaltung und Performance machen die Folkwang-Idee aus. Sie hat bis heute zahlreiche Interpretationen erfahren und steht nicht nur für hochkarätige Kunstproduktion und -präsentation, sondern auch für Vermittlung – ganz im Sinne ihres mythologischen Namens ("Halle des Volkes").
Die Folkwang Universität ist längst eine ruhrgebietsweite Institution, der Fachbereich Gestaltung bezieht nunmehr das SANAA-Gebäude auf Zollverein. Die Kulturhauptstadt hat damit in Essen eine Folkwang-Achse, die Ruhr und Emscher verbindet: von der Folkwang Universität in der Abtei Essen-Werden, über das neu gebaute Museum Folkwang am historischen Standort von 1922 bis zum Welterbe Zollverein, auf dem bald mehr als 400 Studentinnen und Studenten der Folkwang Universität sich mit der künstlerischen Gestaltung unserer Welt auseinandersetzen. Diese Achse liegt quer zu den Hauptspielachsen von RUHR.2010 - Emscher, Hellweg und Ruhr - und bildet einen außerordentlich bedeutsamen stadträumlichen Erzählstrang für die Besucher der Kulturmetropole Ruhr.
Jede Vision braucht Menschen, die an sie glauben. Die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 dankt ihren Hauptsponsoren:
Deutsche Bahn AG, E.ON Ruhrgas AG, HANIEL, RWE AG, Sparkassen-Finanzgruppe
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