Andreas Rossmann: Erste Zwischenbilanz des RUHR.2010-Auftritts.
In: WDR 3 Mosaik / 24.03.2010
Meines Erachtens gibt es im Ruhrgebiet die Tradition, dass zuerst die Arbeit kommt und die Kultur erst danach. Die immer noch prägende Kraft dieses Arbeitsrhythmus kann ich nicht so einfach wegwischen, auch wenn sich das jetzt tendenziell mit der Kulturhauptstadt ändert. (…)
Im Moment ist ganz deutlich, dass die Museen selbst die Chance dieser Plattform "Kulturhauptstadt" ergriffen haben: "Wir stehen im Rampenlicht, um uns zu präsentieren!" Es gab selten eine solche dichte und hochkarätige Ballung von guten Ausstellungen im Ruhrgebiet - angefangen mit dem Museum Folkwang, "Das schönste Museum der Welt" als Rekonstruktion der alten Sammlung, aber auch diese großartige Ausstellung von Bernd und Hilla Becher im Josef Albers Museum in Bottrop. Allein in Duisburg sind im Moment drei große, interessante Ausstellungen zu sehen: Giacometti im Lehmbruck-Museum, Olaf Metzel im Museum Küppersmühle und Ai Weiwei im Museum DKM. Da können die Städte Düsseldorf und Köln nicht so ohne weiteres mithalten; und da zeigt sich auch, was an Potential vorhanden ist. (…)
Es ist natürlich sehr schwierig, schon jetzt eine künstlerische Bilanz zu ziehen. Man kann aber sicher sagen, dass diese Kulturhauptstadt ein Publikumserfolg, ein Medienerfolg ist. Die Medienabteilung von RUHR.2010 spricht von nahezu 1.000 Presseartikeln allein bei der Eröffnungsfeier; RUHR.2010 habe auf Facebook 16.000 Fans, Schalke hätte 8.000. Das ist ja immerhin eine schöne Vergleichszahl! Es gibt Berichterstattung rund um die Welt, es gibt vor allem Berichterstattung in Deutschland und es gibt auch eine Berichterstattung, die in die Breite geht.
Das muss man auffangen und damit auch etwas anfangen, was schwierig wird angesichts der allgemeinen Finanzsituation und der Rahmenbedingungen. Den Städten bricht eigentlich schon das Fundament unter den Füßen weg, während oben bei der Kulturhauptstadt noch die Sektkorken knallen, wofür die Kulturhauptstadt nichts kann. Das ist eine Frage tragischer Koinzidenz. (…) Dass die Krise schon jetzt anklopft und sich auch sehr schnell beschleunigen kann, wenn etwa Kreditaufnahmen wieder teurer werden und der Zinssatz steigt. Das schlägt ja sofort durch auf die Finanzsituation, auf die Etats und damit auch auf die Kulturetats. (…)
Das Ruhrgebiet hatte eigentlich immer zwei Probleme: Einmal hatte es das Problem, dass es falsch wahrgenommen wurde, dass dieser Strukturwandel gar nicht richtig in den Blick kam. Und es hatte auch das noch viel grundsätzlichere Problem, dass es gar nicht wahrgenommen wurde. (…) Jetzt geht die Presse-Berichterstattung wirklich in die Breite – sie geht in den "Stern" und die "Freundin", sie geht in die Yellow-Press und in die ausländische Presse. Diesen "Aha"-Effekt konnten wir in den 90er Jahren im Zusammenhang mit der IBA schon erkennen: "Aha, es ist ja gar keine so traurige Gegend, es ist ja sogar sehr grün hier! Wo sind die grauen Städte und verwahrlosten Siedlungen?" Das wird jetzt auch in der Breite und aus der Entfernung heraus mit einer Zeitverzögerung wahrgenommen. Da wird etwas nachgeholt. (…)
Es ist interessant, dass La Stampa am 26. Februar über RUHR.2010 berichtet hat und zwar im Zusammenhang mit einem runden Tisch, der in Turin stattgefunden hat unter Teilnahme von Jürgen Fischer, dem Programmleiter der RUHR.2010. Die italienischen Diskutanten pickten sich einen Aspekt heraus, der für sie natürlich interessant ist: die interkommunale Zusammenarbeit zwischen den 53 Ruhrgebietsstädten. (…) Die ausländischen Partner oder Beobachter nehmen nicht nur einfach das Ruhrgebiet wahr, sondern überlegen sich, was sie davon für ihre Region lernen können und wie sie das gut in ihre Problemlage übersetzen können. (…)
Auffallend für die innere Wirkung der Kulturhauptstadt ist, dass es ein großes Bedürfnis nach Geselligkeit, nach Gemeinschaft gibt. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen zu den Veranstaltungen kommen - zuletzt zum KulturKanal. Da kamen 3.000 Leute an den Kanal in Recklinghausen, um dieses Event zu feiern. Es gibt insgesamt eine sehr starke soziale Komponente bei RUHR.2010, glaube ich.
Wie man das künstlerisch bilanzieren kann, bin ich eher zurückhaltend. Ich finde, man muss noch ein wenig abwarten und die einzelnen Gattungen und auch Aufführungen und Veranstaltungen einzeln bewerten.
Aber die Odyssee Europa hat gezeigt, dass es über die Präsentation von sechs neuen Theaterstücken hinaus noch eine ganz andere Dimension der Vorstellung des Ruhrgebiets gibt. Man wollte die Menschen mitnehmen, das Ruhrgebiet auch anders kennen zu lernen - nicht mit einem Blick hinter die Kulissen der Theater, sondern mit Übernachtungen bei Gastgebern. Mit denen ist man Essen gegangen, hat einen kleinen Ausflug gemacht. Man hat das Ruhrgebiet also auch als soziale Plastik vorgestellt, und das führt vielleicht auch zu Einsichten, die nicht so ganz kompatibel sind mit diesem Anspruch "Metropole". Denn man kann am Ruhrgebiet, gerade wenn man etwas näher rangeht, sehr schnell sehen, dass es eben keine Großstadt ist, dass es auch keine Großstädter sind, die da leben, dass es zum Beispiel auch keine Großstadtzeitungen gibt, dass es wenige kreative Milieus gibt, dass es immer noch eher eine zerrissene Gegend ist, die von den Spuren der Industrie und ihren hinterlassenen Gesellschaften geprägt ist. Das macht die Region natürlich auch spannend und zeigt, dass sie ein großes Entwicklungspotential hat und dass sie sich im Wandel und im Umbruch befindet.
Das gesamte Gespräch hören Sie auf der Website von WDR 3 Mosaik.
