Europa erlesen: Ruhrgebiet
Das Ruhrgebiet hat viel zu bieten. So viel, dass man meist nicht alles davon sehen, riechen, schmecken, fühlen kann. Also wird ausgewählt. Und das ergibt dann Visionäres und Traditionelles, Schönes und Hässliches, Pro und Kontra, Optimisten und Pessimisten - Menschen, die das Ruhrgebiet lieben, und solche die es hassen.
Eklektisch müssen auch Anthologien vorgehen. Wer hätte gedacht, dass das Ruhrgebiet literarisch so viel hergibt, dass zwei renommierte Verlage im Monatsabstand Sammelbände mit Texten über das Ruhrgebiet herausgeben? Der Wieser Verlag veröffentlichte im Oktober 2009 "Europa erlesen Ruhrgebiet", und der dtv Verlag gab im November 2009 das "Ruhr.Buch" heraus.
Beide Male zeichnen ein Herausgeber-Duo verantwortlich, beide Male wurden mehr als 50 Texte über das Ruhrgebiet zusammengetragen, beide Anthologien bedienen sich textlich bei Heinrich Böll, Bertolt Brecht, Heinrich Heine, Ernest Hemingway, Michael Klaus, Carl Arnold Kortum, Gerhard Löbker, Florian Neuner, Josef Reding, Josef Roth, Levin Schücking und Wolfgang Welt.
Erstaunlicherweise kam es lediglich zu zwei Textübereinstimmungen bei "Ruhrkrieg" von Richard Huelsenbeck und "Gelsenkirchen" von Georg Kreisler. Demnach haben beide Anthologien ihre Berechtigung und belegen die literarische Vielfalt über das Ruhrgebiet - zumindest quantitativ.
Vielfältige Geschichten vor bekannten Namen
Thomas Ernst und Florian Neuner, die Herausgeber von "Europa erlesen Ruhrgebiet" setzen weniger auf große Namen, auch wenn sie hier ebenso vertreten sind. Doch immerhin stammen die meisten Beiträge eines einzelnen Autors - nämlich vier an der Zahl - von dem Bergmann und Arbeiterdichter Heinrich Wilhelm Kämpchen, nach dem heute zwar eine Schule in Bochum benannt ist, der aber nicht allzu vielen Hobby-Belletristen etwas sagen dürfte.
Dirk von Gehlen empfiehlt "Europa erlesen Ruhrgiet" allen "die kulturbeflissen in die Kulturhauptstadt reisen - es wird sie ihrer Klischees berauben". (SZ/jetzt.de), und Stefan Laurin kommt gar ins Schwärmen: "Es ist ein Buch, an dem man viel zu lesen hat und aus dem man viel zitieren kann. Ein Buch, das man, wenn man ihm begegnet, fragt »Wo warst Du die ganze Zeit?«" (ruhrbarone)
Über ein Dutzend der Texte stammt aus der Zeit um die Jahrtausendwende oder aus den letzten Jahren. Die älteren Beiträge der Anthologie bleiben in wenig schmeichelhaften Zeilen, in ein- oder zweisätzigen Anklängen über das Ruhrgebiet verhaftet, wie trist, schmutzig, grausam hier doch alles ist.
So stellt die Anthologie unbewusst die Frage, ob das immer noch repräsentativ für die Metropole Ruhr ist, oder ob die literarische Produktion im Ruhrgebiet dem Wandel noch nicht gefolgt ist.
Manifest zur Umstrukturierung des Ruhrreviers zum Kunstwerk
Andererseits klingt beispielsweise Ferdiand Kriwets "Manifest zur Umstrukturierung des Ruhrreviers zum Kunstwerk" aus dem Jahr 1968 wie eine Werbeschrift zum Kulturhauptstadtjahr 2010:
"Als größte künstliche Landschaft Europas hat das Ruhrrevier die Chance zum größten Kunstwerk der Welt zu werden. (…) Stillgelegte Zechen werden zu Vergnügungslabyrinthen, mobilen Theatern, endlosen Konzerträumen unter Tage usw. (…) Parallel zur Ansiedlung neuer Industrien im Revier erfolgt dessen partielle Umwandlung in eine Unterhaltungslandschaft zwischen Duisburg und Dortmund, die den vielfältigen Freizeitbedürfnissen der hier lebenden Menschen je nach Maßgabe der lokalen Verhältnisse Rechnung trägt. Las Vegas und die Alpen sind nichts gegen das RUHR-KUNSTWERK. Die Umwandlung der größten künstlichen Landschaft Europas in eine künstlerische bedeutet zugleich ihre Erschließung für den Internationalen Tourismus."
Erfahren Sie selbst vor Ort mit eigenen Augen, eigener Nase, eigenem Mund und eigenen Händen, was sich zwischen 1968 und 2010 im Ruhrgebiet verändert hat. Als Vor- und Nachbereitung für kulturelle Reisen in die Metropole Ruhr ist der Sammelband von Thomas Ernst und Florian Neuner bestens geeignet: Im handlichen Format und zwischen zwei robusten Buchdeckeln finden sich im "Ruhr-Kanon" bislang wenig beachtete Texte neben einem Überblick über die populäre Vielfalt der Ruhrgebietsliteratur.
Zum Reinlesen, Rausfinden und die Geschichte Selbst-Weiterschreiben.
Vertretene Autoren / Texte:
Altfried / Heinrich Böll / Bertolt Brecht / Hansjürgen Bulkowski / Fabio Chigi / Hans Henning Claer / Eduard Claudius / Marc Degens / Thomas Ernst / Justus Gruner / Annette von Droste-Hülshoff / Fred Endrikat / Walter Gerlach / Ludwig Harig / Heinrich Hauser / Heinrich Heine / Ernest Hemingway / Eckhard Henscheid / Richard Huelsenbeck / Urs Jaeggi / Heinrich Kämpchen / Hugo Ernst Käufer / Victor Kalinowski / Thomas Kapielski / Ilse Kibgis / Egon Erwin Kisch / Michael Klaus / Alexander Kluge / Carl Arnold Kortum / Peter Köhler / Wolfgang Körner / August von Kotzebue / Georg Kreisler / Ferdinand Kriwet / Eva Kurowski / Jürgen Link / Gerhard Löbker / Edmond Martène+Ursine Durand / Mohammed Mhaimah / Gustav Natrop / Florian Neuner / Johann Heinrich Christian Nonne / Pierre-Hippolyte-Léopold Paillot / Peter der Ehrwürdige / Otto Julius Quehl / Josef Reding / Erik Reger / Josef Roth / Karl-Heinz Roth / Levin Schücking / Waltraud Seidlhofer / Hans Siemsen / Boris Sieverts / Das Steigerlied / Dezsó Tandori / Theorie & Praxis e.V. / Ingrid Tillen / Walther von der Vogelweide / Wolfgang Welt / Wilhelm Wenzel / Werkkreis Literatur der Arbeitswelt / Christoph Wieprecht
Über die Herausgeber:
Thomas Ernst, geboren 1974 in Mülheim an der Ruhr, lebt in Brüssel und arbeitet als Literaturwissenschaftler an der Universität Luxemburg zum Themenbereich "Sprache und Identität in Europa". Daneben zahlreiche literarische Veröffentlichungen und Drehbücher u.a. für das ZDF.
Florian Neuner, geboren 1972 in Wels, lebt als Schriftsteller und Journalist (u.a. für Deutschlandradio) in Berlin. Er ist Herausgeber von "IDIOME. Hefte für Neue Prosa".
Thomas Ernst / Florian Neuner (Hg.)
Ruhrgebiet
In der Reihe: Lojze Wieser (Hg.): Europa erlesen
Wieser Verlag
Oktober 2009
278 Seiten, gebunden, mit Quellenverzeichnis, EUR 12,95
ISBN: 978-3-85129-794-2
Bestellmöglichkeiten finden Sie auf der Website des Wieser Verlags.
Besuchen Sie die Website des Herausgebers Thomas Ernst.
Weitere Informationen zum RUHR.BUCH.


