Melopatino - Ein sizilianisches Ruhrpottmärchen
Die Weihnachtssaison ist die Zeit für Wünsche und Träume. Mit seinem sizilianischen Ruhrpottmärchen hat Marco Solano ein Buch geschrieben, das beides aufleben lässt. Und mehr noch: Er fängt in seiner subjektiven Sicht die Seele des Ruhrgebiets ein und beschreibt den Menschenschlag, der das Revier zur Kulturhauptstadt Europas macht und das Zeug dazu hat, aus dem Pott eine Metropole Ruhr zu gestalten - Sommer wie Winter.
Indes beginnt die Geschichte ganz nüchtern, übersieht man das Mondlicht, den Rotwein und die zwei seltsamen "Sternschnuppen" - die Zeit der Nachtruhe und die der unbeeinflussbaren Möglichkeiten… Essen und das Ruhrgebiet sind zur Kulturhauptstadt Europas 2010 ernannt worden, melden sowohl die TV-Nachrichten in deutschen Landen als auch die Zeitungen in Sizilien. Damit sind die irdischen (und für die Sternschnuppenseher auch die himmlischen) Ausgangspunkte für zwei Handlungsstränge vorgegeben: Der eine hat den Maler und Kunstschlosser Macco aus Essen-Stoppenberg zur Hauptfigur, der andere den poetisch angehauchten Aussteiger Francesco Lo Presti aus dem sizilianischen Bergdorf Grotte zum Protagonisten.
Beide sind um die 40 Jahre alt; Macco besitzt sizilianische Abstammungswurzeln, Franco hat 24 Jahre lang in Essen gelebt. Die inhaltliche Verschränkung der zwei Charaktere ist angedeutet durch den Buchtitel "Melopatino", der sich aus den Bestandteilen des Namens von Maccos Vater Melo-Stefano und Francos väterlicherseits traditionell vererbten Spitznamen Ciccio Patino zusammensetzt. Fortan wechselt die Perspektive von Macco und Franco kapitelweise, was eine gelungene Cliffhanger-Funktion erfüllt und zunehmend die Frage in den Mittelpunkt rückt, ob und wann sich die beiden Handlungsstränge treffen werden.
Macco, Franco und die 12 Stoppenberger Apostel
Während der "Armenkünstler" Macco aufgrund seines Faibles für die Heilige Schrift und zum persönlichen Beitrag für die Kulturhauptstadt beschließt, in seiner als Wohnstatt und Atelier dienenden Doppelgarage eine Stoppenberger Version von da Vincis Letztem Abendmahl zu malen, begibt sich Franco auf eine zwölftägige Reise von Sizilien nach Essen-Stoppenberg.
Augenscheinlich ohne es zu wissen, sind Macco und Franco vom gleichen Freundeskreis umgeben: von Assimi, Sevan, Mayo, Alfred, Hacky, Hötte, Solo, von dem Postboten Flipper, dem Dorfklempner Heinz, dem ehemaligen Bergmann Manni, dem Ex-Boxer und BVB-Fan Didi sowie dem Stoppenberger Fußball-Urgestein Günner Schlösser jun. Für Macco werden sie alle zu den zwölf "Stoppenberger Aposteln", die er im Steigerhaus symbolisch zum Abendmahl arrangiert; für Franco sind sie einfach zwölf Stoppenberger Originale mit Herz und Harke, die ihm seinen Urlaub in Essen vervollkommnen.
Während Macco an der Fertigstellung seines Gemäldes arbeitet, erkundet Franco von der "Provincia Stop i Bergo" aus das Essener Gebiet bei Ausflügen zum Essener Domschatz und Grugapark, zur Villa Hügel und Margarethenhöhe, entlang der Ruhr zum Baldeney See und natürlich zu Zeche Zollverein, dem "höchsten Wahrzeichen der Republik Stoppenberg", dessen Förderturm zwar "nicht so historisch wie der aus Pisa ist, dafür aber kerzengerade steht". Zwischenzeitlich naht die Vollendung des Gemäldes und der Abschied von Franco.
Unergründlich ist nicht nur die Frau…
Garniert wird das Ganze von zwei zarten Liebesgeschichten: Macco schwärmt für eine attraktive Kellnerin aus Duisburg, die vertraut wirkt und zugleich geheimnisvoll distanziert bleibt; Franco kann seine "Lebensliebe" Agnes nicht aus dem Kopf verbannen, die er vor sieben Jahren in Essen zuletzt gesehen hat und die mittlerweile eine kleine Tochter besitzt, deren Lockenköpfchen rätselhaft an Franco erinnert.
Wer glaubt, das sei das einzig Rätselhafte, der besinne sich auf die "Sternschnuppen". Die Fäden der Geschichte halten im Hintergrund zwei himmlische Geschöpfe zusammen. Die Sternenbrüder Flippsche und Dittsche, die sich vor den Menschen einmal als Fliegen, ein andermal als Zweig’sche Mafiosi in weißen Anzügen, dunklen Sonnenbrillen und mit Strohhüten zeigen. Sie lenken die Handlung und finden Gefallen an der amüsant liebenswerten Art der Ruhrgebiets-Bewohner. Letztlich sind es nicht die Himmelsbewohner, sondern der Autor, der im finalen Kapitel "Das Traumtheater" nicht nur ein Gemälde wahrhaft zum Sprechen bringt.
Figuren aus Fleisch und Blut
Marco Solano hat fast sämtliche seiner Charaktere dem wirklichen Leben entnommen, die Geschichte allerdings zum größten Teil frei erfunden. So verschränken sich Realität und Fiktion. Die Figuren sprechen einen poetischen Ruhrgebietsslang, ein erfrischendes Essener Platt. In ihrer liebevollen Zeichnung steht jede Figur für sich, individuell, markant, ausgesprochen humorvoll.
In einer Mischung aus süßem Marsala-Wein und feinherbem Stauder Pils können die Charaktere voller Saft und Kraft exemplarisch für den Mythos Ruhr stehen - oder wie es der Sizilianer Franco treffend ausdrückt: "Der Titel, Europas Kulturhauptstadt 2010, findet in diesen Menschen ihre wahre Identität. So schön und lieb ich meine alte Heimat auch empfinde, so findet sich die Seele aber bei den Menschen wieder, die sich so offen und natürlich geradeheraus zu erkennen geben. Diese Ruhrgebiets-Menschen haben so etwas unverfälscht Originelles. Durch ihre Hände, die von Bergmännern und Stahlarbeitern, wurde das Leid Deutschlands von den Schüppen geschaufelt. Und so zog aus den Schornsteinen des Potts eine flächendeckende Wolke durchs Land und befreite es von seiner wirtschaftlichen Not. Der schwer aufzubringende Charakter dieser Aufbauarbeit liegt diesen Menschen im Blut. Er hat sich zum Glück in die Nachfolgegenerationen hinübergerettet und genau deshalb werde ich mich immer zuhause fühlen in meinem alten Ruhrpott. (…) Für ihn stammen die Essener Freunde alle aus dem wahren Leben. Ohne affektiertes Gehabe sind sie, authentisch, witzig und dem Menschsein nicht fern, ungeachtet der einzelnen Schwächen, von denen ein jeder betroffen ist, was ja sowieso ein Erkennungsmerkmal jedes Menschen ist. In ihnen sieht er die klassischen Ruhrpott-Menschen."
Manchmal ist zuviel des Guten genau richtig
Arbeiterschicht und Migrantenmilieu, Frömmigkeit und Lebenslust, Eckkneipenkultur, Männerfreundschaft und Fußballbegeisterung mischen sich mit der Fabelwelt von träumenden Geschichten, in denen greise Druiden, sprechende Eulen, blinde Mönche, der Sioux-Häuptling Granengo, Graf Alf von Kruppian, Marktgraf Wolle von Reiniger, FC Stoppenberg, Rot-Weiß-Essen, Gott Vater und Gott Sohn höchstpersönlich auftreten.
Marco Solano traut seinen Lesern viel zu - und die sollten sich darauf einlassen, auch wenn im Überschwang des papierenen Erstlings der Figurenreichtum, die Ideenfülle und die Sprachgestaltung zuweilen mit dem Autor durchgehen.
Was auf den ersten Blick etwas befremdlich wirken mag, verstärkt letztlich den märchenhaften Charakter des Buches: Religiöse Hoffnung durchzieht die Seiten genauso wie eine ansehnliche Anzahl handlungsbezogener Bibelzitate, gewürzt mit ökologischem Pessimismus und einer Brise politischer Kritik. Das vermag auch zu ergreifen, etwa in Maccos Gedankengang: "Auch wenn er weiß, dass es als 'Feigheit vor dem Feind' ausgelegt werden kann, weiß er auch und das umso deutlicher, um die Begrenztheit seiner Seele. Aber jene sagt ihm auch, dass die Zeit der kultivierten Aufstände der Stand von gestern war und sich da als Vision verloren hat, weil sie sich als nicht umsetzbar entpuppte. Außer dem Werfen von Protest-Steinen, die bei hoher Treffsicherheit die äußere Kopfform des Menschen verändern, die geistige jedoch nicht, hat sich heutzutage nichts geändert."
Für alle, die noch träumen können oder es wieder lernen möchten. Für alle, die die Bevölkerung des Ruhrgebiets, für die es (noch) keinen offiziellen Namen gibt, kennen oder neu kennenlernen wollen: als "Ruhrpottanier".
Marco Solano
Melopatino - Ein sizilianisches Ruhrpottmärchen
illustriert von Marco Solano
Eigenverlag (Casa Maugeri)
Juli 2009
285 Seiten, broschiert, 50 farbige Abbildungen
Sie können das Buch zum Preis von 19,90 Euro (inkl. Versand) über den Autor beziehen.
Kontakt:
melopatino@web.de
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