Odyssee Europa - Die Stücke
Odysseus kommt nach Hause und erkennt seine Insel Ithaka nicht wieder. Die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 hat sechs Autoren eingeladen, Homers berühmte Heldendichtung neu zu interpretieren: Grzegorz Jarzyna, Roland Schimmelpfennig, Enda Walsh, Péter Nádas, Emine Sevgi Özdamar und Christoph Ransmayr.
Der Fischer Taschenbuch Verlag hat dieses geballte Stück Europa zu den Uraufführungen an den Schauspielhäusern in Essen, Bochum, Oberhausen, Moers, Mülheim an der Ruhr und Dortmund veröffentlicht.
Springe zu den einzelnen Stücken:
Areteia von Grzegorz Jarzyna
Der elfte Gesang von Roland Schimmelpfennig
Penelope von Enda Walsh
Sirenengesang von Péter Nádas
Perikızı von Emine Sevgi Özdamar
Odysseus, Verbrecher. von Christoph Ransmayr
Areteia von Grzegorz Jarzyna
Areteia bedeutet im Altgriechischen Tapferkeit. Grzegorz Jarzyna wählt für sein Szenarium diese Kardinaltugend als Titel, obwohl sich sein Odysseus eher besonnen zeigt - fast schon unsicher und voller Widersprüche.
Auch die Götterwelt gibt sich nicht mehr so heroisch, so göttlich wie in der Antike, weil sich die Menschen selbst für Götter halten und erst im Tode erkennen, dass sie Nichts sind. Zeus ist gelangweilt über das Geplappere von Athene, die für Odysseus Mitleid zeigt; Hermes fühlt sich so einsam und alt, dass er sterben möchte; und Aphrodite hat die Grippe bekommen.
Das Stück beginnt mit der Landung von Odysseus auf Ithaka. Die Freier belagern Penelope, und Telemach fühlt sich hin- und hergerissen zwischen Zuneigung für die Mutter und Haß gegenüber der Frau Pelenelope. Penelope scheint sich den Freiern zu öffnen, Telemach an die Rückkehr seines Vaters zu klammern. Sein Großvater Laertes ist ihm keine Stütze. Offensichtlich genießt Laertes das gessellscaftliche Leben in seinem Haus und vermisst Odysseus dabei nicht im geringsten.
Doch Odysseus ist schon da und bahnt sich blutig seinen Weg. Doch um wessen Blut geht es? Das der Freier, der Ehefrau, des Vaters oder Sohnes? Die eigentlichen Fragen lauten, ob Laertes, Odysseus und Telemach durch Fluch, Generationenschuld oder rein genetisch miteinander verbunden sind, und wer an wem das Schicksal erfüllt.
Grzegorz Jarzyna zeichnet in moderner Sprache ein erstaunlich heutiges Drama, das die Großvater-Vater-Sohn-Beziehung in den Mittelpunkt rückt. Es geht um Entfremdung, um Enttäuschung, um das Was-wäre-wenn. Drei Männer ringen und kämpfen gegen die allmächtigen Schatten der anderen.
Jarzyna versteht das Stück als Ausgangspunkt für die Inszenierung, die er selbst übernimmt. Die Szenen sollen assoziative Konstellationen schaffen, die Dialoge Basis für Improvisation sein. Die Götter und Penelope werden von vier polnischen Schauspielern dargestellt.
Grzegorz Jarzyna
Areteia - Ein Szenarium (Arbeitsfassung vom 13.8.2009)
Deutsch von Olaf Kühl
Schauspielhaus Essen
Regie: Grzegorz Jarzyna
Uraufführung: 27.2.2010
Der elfte Gesang von Roland Schimmelpfennig
Roland Schimmelpfennig, der weltweit meistgespielte deutsche Dramatiker der Gegenwart, kommt dem Leser mit seinem "Elften Gesang" nicht weit entgegen. Zum einen übernimmt er lange Strecken des Homerischen Originaltextes in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß, zum anderen legt er die "geflügelten Worte" in die Münder des Mannes vom Tabak- und Lotto-Laden, der asiatischen Frau vom Gemüseladen, des Mannes vom Sofortdienst etc. Und diese teilen sich dann auch die Texte der antiken Figuren untereinander auf. In der Inszenierung kann das ungeahnte Möglichkeiten für darstellende Interpretationen bieten, im Lesedrama werden die Figuren nicht plastisch und sprechen eine Sprache. Gänsehaut erzeugt, wenn ein 50-jähriger Arzt, der vom Nachtdienst kommt, und dem ein Patentient bei einer Notoperation unter den Händen weggestorben ist, deklamiert, dass die elenden Menschen beständig im Nebel tappen und von schrecklicher Nacht umhüllt sind. Doch wie lässt sich das wiederum inszenatorisch verdeutlichen, ohne ein eigenständiges Ärztedrama auf die Bühne zu bringen?
Das erste Drittel des Stücks zeigt Odysseus und seine Gefährten bei Kirke, der Rest spielt in der Unterwelt. Spannung wird im Kirke-Teil durch eingestreute Unterweltsszenen aufgebaut, in denen der tote Ajas und Achilleus nach dem Blut des Blenders und Betrügers Odysseus lechzen. "jetzt verrrotten die unter der Erde oder irgendwo und ich, ich gehe mit Kirke ins Bett. So ist das Leben", kommentiert Odysseus lapidar.
Odysseus wird von Kirke in die Unterwelt zu Teiresias geschickt, um den Weg in die Heimat zu erfragen. Hier entspinnen sich in Schimmelpfennigs eigenen Worten intensive Monologe, wenn die Toten ihr "Leben" in der Unterwelt reflektieren. Wie kann man wissen, ob man wacht oder träumt, wenn sich Tag und Nacht gleichen? Wie soll man wissen, was Traum und was Realität ist, wenn man nie schläft und nie erwacht? Wie kann der blinde Teiresias ein Seher sein, wenn er im Schlaf sieht? Und über all dem schwebt Kirke.
Der ad absurdum geführte Teiresias weissagt Odysseus trotzdem die Zukunft. Doch vielleicht ist der Blick eines Toten in die Zukunft nichts als die verzweifelte Wiederkehr einer verlorenen Vergangenheit...
Roland Schimmelpfennig
Der elfte Gesang nach Homer
Originalpassagen in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß
Schauspielhaus Bochum
Regie: Lisa Nielebock
Uraufführung: 27.2.2010
Penelope von Enda Walsh
Enda Walsh schaffte mit seinem 1996 uraufgeführten dritten Drama "Disco Pigs" den europaweiten Durchbruch als Dramatiker. Wenn es danach ginge, hätte sich Walsh der Episode mit Kirke zuwenden müssen.
Doch nähert sich Walsh dem Stoff subtiler, indem er die Freier-Situation um Penelope darstellt. Die Freier werden von Penelope nicht in Schweine verwandelt, sondern ändern sich selbst in den Jahren des Wartens, Schmachtens und Völlerns zu bettelnden Karrikaturen des Mannes, zu fetten Männern in Speedo-Badehosen.
Der Mitdreißiger Burns, der 50-jährige Quinn, der Mitfünfziger Dunne und der 65-jährige Fitz sind die vier letzten von 100 Freiern, die seit Jahren um die Gunst von Penelope buhlen. Täglich versammeln sich die Vier vor dem Fenster von Penelope bei 33 Grad Celsius in einem heruntergekommenen, wasserlosen Swimmingpool, in dem sich das Gerümpel und der Dreck der Jahre sammeln - nicht unähnlich einem Schweinekoben. Sie vertreiben sich die Tage damit, einen kaputten Deluxe-Grill in Stand zu setzen, Hochprozentiges zu trinken oder Tabletten zu schlucken und ihre Konkurrenten auszuschalten. Kurz vor Stückbeginn hat sich Murray die Pulsadern aufgeschnitten. Nur mehr sein Blut an den Fließen erinnert an ihn.
Lange ist nicht klar, ob Penelope überhaupt existiert. Fitz merkt einmal an: "Es ruft Bilder im Kopf hervor, die zu nichts führen. Das ist wie Pornographie!" Obwohl die Vorstellung von Penelope bei Dunne eine "mächtige Säule" bewirkt, die er vor sich her in die Duschkabine trägt, um sie mit "Olivenseife" einzureiben, ist es Penelope, die alles in der Händ hält und die Freier mit einer CCTV-Kamera einer Peepshow gleich beobachtet.
Alle Vier sehen im Traum die Rückkehr von Odysseur nahmen, symbolisiert in dem plötzlich funtionierenden Grill, auf dem ihre Eingeweide rösten. Die Zeit drängt, und so wird ein gemeinsamer Schlachtplan für das Werben entworfen. Doch einer intrigiert, einer rebelliert und zwei sind Mitläufer. Letztlich siegt ein anderer, als man denkt, und der Untergang bedeutet den Triumph der Liebe.
Enda Walsh setzt das "Zehn kleine Negerlein"-Motiv mit Wortwitz, geistreichen Repliken und deftigen Kalauern um, die unter der deutschen Übersetzung nur geringfügig leiden und durchaus symbolisch sein dürfen - wie das rohe Würstchen, das erst mit dem Gasbrenner hart und heiß wird, aber nicht würzig genug ist, um die Männer scharf zu machen.
Die surreale Swimmingpool-Situation unterlegt Walsh passend mit den Instrumental-Hits von Herb Alpert & the Tijuana Brass aus den 1960er Jahren a la Spanish Flea, A Taste of Honey und Zorba the Greek.
Inszenatorischer Höhepunkt dürfte werden, wenn Quinn versucht, die Aufmerksamkeit Penelopes zu erregen mit einer hochkarätigen Kabarettnummer, in der er tragische Liebespaare der Welt- und Literaturgeschichte darstellt: Napoleon Bonaparte & Joséphine de Beauharnais, Rhett Butler & Scarlett O'Hara, Romeo & Julia sowie John F. & Jackie Kennedy.
Enda Walsh
Penelope - Einakter
Deutsch von Martin Michael Driessen
Theater Oberhausen
Regie: Tilman Knabe
Uraufführung: 27.2.2010
Sirenengesang von Péter Nádas
Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas ist für seine Romane bekannt, an deren epischer Breite er oft Jahre und Jahrzehnte arbeitet. Das Satyrspiel "Sirenengesang", das Nádas zur Odyssee Europa beisteuert, gibt sich ähnlich wortreich wie seine Romane und verschmelzt lange monologische Passagen von Persephone mit theatralen Dialogen und romanhaften Regieanweisungen zu lyrischer Sprachgewalt, die an die düsteren Szenarien eines Heiner Müller erinnert. Nadás zeigt das Universum als eine offene Wunde, in deren Tiefe die Vergangenheit gluckert.
Persephone steht, an Hades gekettet, zwischen den Welten. Die Grenzen verschwimmen, Lebende und Tote teilen ein Schicksal. Es gibt keine Individualität mehr, alles ist bereits gesagt, das Tun ist nur Abklatsch anderer oder früherer Taten, eine echte menschliche Berührung nicht mehr möglich: der Mensch als Endergebnis genetischer Programme und biochemischer Prozesse nichts weiter als ein "Respirations-, Fress-, Fick- und Scheißapparat".
"Umsonst jagen sie wie toll nach ewigem Wandel, sie geraten nur außer Atem", resümiert Persephone. Denn es regieren kollektive Gefühle ("Jedes Gefühl ist eine funktionale Illusion"), irre Seelen, der Schwefelgestank der Konkurrenz. Eli, Eli, lema sabachtani? Die Frage wurde schon vor Jesus gestellt und gilt auch heute noch. Die Existenz wird zu einem "Und-so-weiter": Männer und Frauen sind zu Wegwerfvätern und Mehrwegmüttern verkommen. Der Triumph der Vernunft hat zu leer gefischten Meeren, bankrotten Banken, überfüllten Flüchtlingslagern geführt. Kleine Verbrechen sind Fingerübungen für die Zeiten der Massenmorde.
Das jüngste Gericht ist nicht bildlich, sondern real. Der Trojanische Krieg spiegelt sich in den Panzerwagen und Maschinengewehren des Zweiten Weltkriegs. So schafft Nadás auch in "Sirenengesang" einen Querverweis auf die Situation im kommunistischen Ungarn, die sein Werk durchzieht. Letztlich sind Woronesch, Orjol, Uriv, Jena, Oran, Stalingrad, Kap Trafalgar, Austerlitz, Verdun, Budapest und Troja austauschbar. Und was bringt der Krieg? Nichts. Oder lediglich die Erleichterung, eine Zeitlang ohne verheerende Feuerstürme auszukommen. Als Deus ex machina erscheint zum Stückende Nike, um die Söhne und Töchter zu retten, damit sie bis zum Ende der Zeiten glücklich zusammenleben können. Doch auch das nur ein Schein: "Alle sind hungrig, die Welt ist leer. Ein geplünderter Ramschladen", schließt sie ihren Monolog.
Nadás lässt "Wortknochen" am Zaun unserer Zähne zerbrechen, seine Figuren suchen am Wegrand liegende leere Utopien. Störend alleine seine Altherren-Phantasien, die an Stanley Kubricks Übertragung "Eyes Wide Shot" von Schnitzlers "Traumnovelle" erinnern. Nadás spricht in seinen "Regieanweisungen" mehrmals von dem "zu schonungslosen Strichen bereiten Dramaturgen". In diesen Passagen wäre Gelegenheit dazu.
Péter Nádas
Sirenengesang (Szirénének) - Ein Satyrspiel
Aus dem Ungarischen von Ilma Rakusa
Theater an der Ruhr
Regie: Roberto Ciulli
Uraufführung: 28.2.2010
Perikızı von Emine Sevgi Özdamar
Emine Sevgi Özdamar entfernt sich mit am meisten von der Homerischen Vorlage, findet damit aber treffsicher den inhaltlichen Kern.
Perikιzιs träumt in Istanbul von einer Schauspielerkarriere. Sie liebt es, sich zu verwandeln, und spricht mehr in Shakespeare'schen Repliken aus Sommernachtstraum und König Lear als in eigenen Worten. Doch möchte sie frei sein, nicht mit den Toten, sondern ihren eigenen Traum leben - und das bedeutet, Schauspielerin in Europa zu werden.
Alle guten Ratschläge von Eltern und Großmutter, lieber zu lernen und Abitur zu machen, schlägt sie in den Wind - ebenso wie die Warnungen, dass in der Fremde nur Einsamkeit, leere Hoffnungen, Verluste für sie warten und eine Rückkehr trotz aller Scham nicht möglich sein wird. "Die, die weggegangen sind, sind die Armen, die Kulturlosen, die Sklaven. Durch sie wird in Europa unsere wahre Identität, unsere reiche Geschichte klein gemacht", erklärt Sinan seiner Tochter erfolglos.
Perikιzιs lebt ihren Traum, aber es wird kein "European Dream": Wie ihr Vater prophezeit hat, endet sie als "Raumkosmetikerin". Sie weiß nicht mehr, wer, was und wo sie ist, ob sie albträumt oder wacht. Sie spricht nicht die Landessprache und wird so unsichtbar. Perikιzιs wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen, sondern als Thema. Im Frauenwohnheim bieten die anderen türkischen Frauen keine Geborgenheit, sondern in ihrem "Türkenwahn" Hass und Abgrenzung. Die deutschen Frauen sehen in ihr das wandelnde Klischee der Türkin, die zum Kopftuch-Tragen gezwungen, von ihren Brüdern geschlagen und sexuell missbraucht wird. Eine Figur, die die Medien personifiziert und in Schlagzeilen über Zuwanderungspolitik und Integration spricht, zeigt die Phrasenhaftigkeit des Assimilationsdiskurses. Ein Diskurs, der auch falsche Leitfiguren wählt, wie Özdamar eindrucksvoll in dem "verkleideten türkischen Wolf" zeigt, an dessen Tiraden die "einheimischen Schuldgefühle-Humanisten" sich wonnevoll laben, ohne zu bemerken, dass ihnen in die Münder gepisst wird. Ein Käuzchen kommentiert mehrmals: "Verspätete Judenliebe, verfrühte Türkenliebe." Da ist Stoff zum Nachdenken drin, mehr Zündstoff noch als in der Zeitbombe, die auf der Bühne tickt.
Wenn der Vater spricht, vermeint man daraus Özdamars eigene Stimme zu hören: "Du kannst da in Europa vielleicht berühmt werden, aber du wirst keine Ruhe finden. Sie werden dich loben und schreiben, dass du Pionierin der türkischen Künstler bist, dass du Aufklärer der unterdrückten türkischen Mädchen bist, dass du eine Brücke zwischen der Türkei und Europa bist, dass du die einzige emanzipierte Türkin bist, dass du das beste Beispiel für Integration bist, bist, bist, bist. Die Schöpfungen, die du aus deinem eigenen Körper ausgraben wirst, werden unter Türkisch registriert. Du landest in der türkischen Schublade."
Perikızı macht sich auf die umgekehrte Odyssee - nicht von Kleinasien nach Griechenland, sondern von der Türkei nach Europa. Findet sie eine neue Heimat? Gibt es eine Wiederkehr? Die Fragen eines antiken Helden sind von einem türkischen Mädchen nicht einfacher zu beantworten. Denn wer kann schon sagen, wer wen weniger versteht, ob es so etwas wie eine Bring- und Holschuld gibt.
Emine Sevgi Özdamar
Perikızı - Ein Traumspiel
Unter Verwendung von Texten von Shakespeare, Homer, Kaváfis, Hölderlin und Heinrich Heine
Schlosstheater Moers
Regie: Ulrich Greb
Uraufführung: 28.2.2010
Odysseus, Verbrecher. von Christoph Ransmayr
Christoph Ransmayr schildert in seinem Stück nicht "Die letzte Welt", sondern eine verlorene Welt. Er siedelt das Schauspiel in einer Nachkriegszeit an, die "Allzeit" ist - Gegenwart, Zukunft und eine unauslöschliche Vergangenheit. Mit der Heimkehr des Odysseus steuert er geradlinig auf die Katastrophe zu: Dass Odysseus zum Verbrecher wird, indem er seinen Sohn zum Mörder macht.
Odysseus erkennt nach 20 Jahren sein Ithaka nicht wieder: Wo früher Olivenhaine standen, liegt nun Schnee auf den kahlen Bergen. Staudämme, Industriehallen, Tiefgaragen und Bunker sind angelegt worden. Mülldeponien schwelen über Ölteppichen auf dem angestiegenen Meer, das in überladenen Rostkähnen Flüchtlinge nach Ithaka bringt, die als Billigarbeiter gehalten werden, während bereits ABC-Schützen in Schulen Amok laufen und die Arbeits- und Obdachlosenzahlen steigen.
Athene ist eine Plünderin, die ihre Allmächtigkeit nicht durch Göttlichkeit, sondern durch eine Pistole im Schulterhalfter besiegelt. Aus den Nachrichten weiß sie über die Heldentaten des "Städteverwüsters" genauso Bescheid wie über seine Frauengeschichten mit Kirke, Kalypso und den anderen "Schlampen". Der Krieg in Troja ist mit modernen Waffen geführt worden - mit Sprengstoff, Panzerfäusten und Granaten, die auch Schulhöfe und Lazarette getroffen haben. Nicht nur für die Ehre, sondern auch für die Sicherheit und den Wohlstand von Ithaka. Es ging nicht nur um Helena, sondern auch um Landgewinn, Uran, Öl, Kohle und andere Schätze.
"Ein paar säuselnde Prozessionen und Löschwasserzüge im Zeichen des Friedens haben sich noch stets als Karnevalszüge schlaftrunkener Deppen erwiesen, die im ersten Kugelhagel nach ihren Nie wieder!-Schwüren entsetzt auseinanderliefen", weiß Athene. So spielen auch die Hirten um einen Kranz Blutwürste das beliebte Kartenspiel "Schlachten", das auf seinen Karten historische Kriegsschauplätze zeigt und um die Zahlen von Gefallenen gespielt wird.
Penelope, die in den Medien Pelo genannt wird, ist in der Zwischenzeit mit wechselnden Begleitern immer wieder auf Wohltätigkeitsveranstaltungen und Kulturevents aufgetaucht, wie die Klatschkolumnen berichten. Das Haus des Odysseus ist zum "Haus der Reformer" geworden. Die modernen Freier sind Planer, Politiker, Reformer, die bereits über die aufgeteilten Landesabschnitte herrschen und Penelope als "First Lady" freien, um die Regierung permanent an sich zu reißen.
"Aus einem Krieg ist noch keiner heimgekehrt - jedenfalls nicht als der, der er war", sagt Athene zu Stückbeginn zu Odysseus. Für Penelope ist er eine Spottgestalt, die sich 20 Jahre lang nicht gemeldet, dafür das Lager mit anderen Frauen geteilt hat. Die Liebe konnte ihn nicht in Ithaka halten, wo er sein Reich verteidigen hätte können, anstatt andere Länder anzugreifen. Im Krieg habe er nicht getötet, sondern versucht zu überleben, redet sich Odysseus ein. Dass er gegen die Reformer mit Gewalt vorgeht, sieht Odysseus als Verteidigung der Rechte seines Sohnes. Wieder soll der Friede mit Toten erkämpft werden. Dafür macht Odysseus auch seinen Sohn zum Schlächter, der ob der Gräuel psychisch zusammenbricht. Penelope weist Odysseus die Türe, damit er die Chance hat, irgendwann tatsächlich heimzukehren.
Konsequent und geschickt konzipiert steuert Ransmayr seinen Odysseus ins Verderben. Die Dialoge sind geschliffen und haben Drehbuchcharakter, was durch die visuelle Kraft von Ransmayrs Sprache noch verstärkt wird.
Christoph Ransmayr
Odysseus, Verbrecher. Schauspiel einer Heimkehr
Schauspiel Dortmund
Regie: Michael Gruner
Uraufführung: 28.2.2010
Uwe B. Carstensen, Stefanie von Lieven, Julia Vogt (Hg.):
Theater Theater - Aktuelle Stücke 20/10: Odyssee Europa
Die Stücke von Grzegorz Jarzyna, Roland Schimmelpfennig, Enda Walsh, Péter Nádas, Emine Sevgi Özdamar, Christoph Ransmayr
Fischer Taschenbuch Verlag
Februar 2010
456 S., broschiert, grafische Gestaltung: raumlaborberlin, EUR 9,95
ISBN: 9783596185405
Sehen Sie aus den sechs beteiligten Theatern Probenfotos.
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