Ruhrkulturen
Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren aus der Metropole Ruhr haben aufgeschrieben, was sie beschäftigt. Was macht ihnen Spaß, was sind ihre Sorgen, und wie sehen sie ihre Zukunft? Die Beiträge in dem Sammelband von Andreas Klink und Artur Nickel zeigen die Vielfalt der Metropole Ruhr. Das ist nicht immer hohe Literatur (und darum geht es hier auch nicht vorrangig), aber stets eindrucksvoll.
Oftmals sorgen unterschiedliche Sprachen für Barrieren. In "Ruhrkulturen" überwinden die Worte Grenzen. Voraussetzung dafür ist das "Hinhören" als Basis für Verständnis und Handeln. Es ist ein unschätzbares Verdienst der Anthologien-Reihe von Andreas Klink und Artur Nickel, Jugendlichen "Gehör" zu verschaffen, das ihnen oftmals verwehrt wird.
Ohren auf, ihr Menschen!
Ich schreibe,
da bin ich,
und solange ich bin,
werde ich denken;
ich werde sagen,
und ich werde schreien.
"Der letzte Schrei" titelt die 16jährige Korinna Wolbeck ihren Beitrag. Etliche Texte der älteren Teenager changieren zwischen rebellischem Lärmen und desillusionierter Stille. Das Leben wird als Spiel mit gegensätzlichen Erfahrungen aufgefasst. Alles Heiopopeio? Goethes Klärchen hätte gesagt: himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt. Der 19jährige Rabih Semmo spricht davon, dass plötzlich der große Knall kommt, wenn zuvor alles im Lot war. Und weiter:
"Es war einmal ein Junge, der konnte sich nicht richtig äußern. Er probiert es auf alle mögliche Weise: mit Lärm, mit Lachen, mit Toben, mit Stillsein. Die Umwelt hörte weder das Laute noch das Stillsein. Immer wieder fragte man nach. Man redete an ihm vorbei und überhörte das Meiste. Schließlich gab der Junge auf und äußerte sich gar nicht mehr. Da sagte man: er hat kapiert, er ist jetzt ruhiger geworden. Keiner merkte, dass das Verstummen ein schlimmes Zeichen ihrer Intoleranz war. Ohren auf, ihr Menschen! Jeder äußert sich auf seine Weise mal laut, mal leise. Erst das Verstummen ist wie ein Betrug am Menschsein."
Wenn jemand sagt, dass das Leben einfach ist, dann ist das eine große Lüge
Ich liebe mein Leben so, wie es ist, kann der 10-jährige Linus Kamppeter (noch?) glücklich behaupten. Der 17-jährige Tim Tibuzzy glaubt, Problemen aus dem Wege zu gehen, indem er Kontakte zu Leuten via Internet knüpft - da zähle nicht, wie man aussieht und woher man kommt. Vielleicht l(i)ebt Mandy Cervik (15 Jahre) trotzdem intensiver: "Du hast eine andere Kultur und Religion. Dass das sowieso nicht ginge, weiß ich lange schon. Aber du bist so süß und so hübsch. Ich bin so unnormal verzückt, und wenn ich dich nicht bald kriege, dann werde ich verrückt." Als einen Nachtschwärmer, der sich tagsüber verpuppt, beschreibt sich die 20-jährige Lisa Heymer: "Wird ein Schmetterling daraus? Ich wandle mich von Tag zu Nacht, von Jahr zu Jahr, so wie das Revier."
Der Sammelband "Ruhrkulturen" lässt die Jugendlichen selbst zu Wort kommen. Sie geben Einblick, was für sie "Ruhrkultur" ausmacht - oftmals vor ihrem Migrationshintergrund.
Veränderungen beginnen im Kopf, Heimat ist dort, wo das Herz schlägt. Und es pulsiert in den Gedichten, Kurzgeschichten, Märchen und Gedankensammlungen dieser Anthologie laut und deutlich. Manches Wort, etliche Gedanken hallen lange nach, gerade weil den Jugendlichen keine Ansichten und Meinungen übergestülpt wurden, und das zu Papier Gebrachte nicht kommentiert wird.
Die Authentizität und Ernsthaftigkeit der jungen Autoren sollte besonders Erwachsene nachdenklich stimmen und der Sammelband Pflichtlektüre für alle sein, die in der Jugendarbeit tätig sind und heute über die Zukunft von Kindern und Jugendlichen bestimmen.
Andreas Klink, Artur Nickel (Hg.)
Ruhrkulturen - Was ich dir aus meiner Welt erzählen möchte
Geest-Verlag
November 2009
328 S., broschiert, EUR 12,-
ISBN 9783866852020
Informationen zu den vorangegangenen Sammelbänden von Andreas Klink und Artur Nickel:
Pfade ins Revier - Pfade im Revier
Heute ist Zeit für deine Träume
Dann kam ein neuer Morgen





